Veronika wußte nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Sie erinnerte sich daran, daß sie irgendwann mit Schläuchen in Mund und Nase aufgewacht war und eine Stimme hörte, die sie fragte:aus Paulo Coelho: "Veronika beschließt zu sterben", S. 27-32
»Möchten Sie, daß ich Sie masturbiere?«
Doch jetzt, da sie sich mit weit offenen Augen im Zimmer umsah, wußte sie nicht, ob das wirklich geschehen oder eine Halluzination gewesen war. Doch an etwas anderes konnte sie sich nicht erinnern.
Die Schläuche waren herausgenommen worden. Doch sie hatte noch immer Kanülen überall im Körper, Elektroden an Herz und Kopf, und ihre Arme waren festgebunden. Unter dem Laken war sie völlig nackt. Sie fror. Doch sie wollte sich nicht beklagen. Der Bereich, in dem ihr Bett und die Geräte für die medizinische Intensivbehandlung standen, war von grünen Vorhängen umgeben. Und neben ihrem Bett saß eine Krankenschwester auf einem weißen Stuhl und las in einem Buch.
Die Frau hatte dunkle Augen und braunes Haar. Dennoch war Veronika sich nicht ganz sicher, ob es dieselbe Person war, mit der sie vor ein paar Stunden - Tagen? - gesprochen hatte.
»Könnten Sie meine Arme losbinden?«
Die Krankenschwester hob den Blick, antwortete mit einem trockenen »nein« und vertiefte sich wieder in ihr Buch.
Ich lebe, dachte Veronika. Nun fängt alles wieder von vorn an. Eine Zeitlang behalten sie mich noch hier, bis sie feststellen, daß ich vollkommen normal bin. Dann entlassen sie mich, und ich werde die Straßen von Ljubljana wiedersehen, den runden Hauptplatz, die Brücken, die Leute auf dem Weg zu oder von der Arbeit.
Da die Menschen dazu neigen, anderen zu helfen - nur damit sie sich besser fühlen, als sie tatsächlich sind -, werden sie mir meine Stelle in der Bibliothek wiedergeben. Mit der Zeit werde ich dieselben Bars und Nachtclubs wie früher besuchen, mit meinen Freunden über Ungerechtigkeit und Probleme der Welt reden, ins Kino gehen, Spaziergänge um den See machen.
Da ich Tabletten genommen habe, bin ich nicht entstellt: Ich bin weiterhin jung, hübsch, intelligent, und ich werde weiterhin keine Schwierigkeiten haben, Männer kennenzulernen. Ich werde mit ihnen schlafen, entweder in ihren Wohnungen oder im Wald, es bis zu einem gewissen Grad genießen, doch gleich nach dem Orgasmus wird die Leere wieder da sein. Wir werden uns nicht viel zu sagen haben und es beide wissen. Irgendwann kommt dann der Moment der ersten Ausflüchte im Stil von >Es ist schon spät< oder >Morgen muß ich früh aufstehen<. Und dann trennt man sich am besten so schnell wie möglich und schaut sich dabei tunlichst nicht in die Augen.
Ich kehre in das Zimmer zurück, das ich im Kloster gemietet habe. Versuche ein Buch zu lesen, schalte den Fernseher ein, um die ewig gleichen Programme zu sehen, stelle den Wecker, um zu genau derselben Zeit aufzuwachen wie am Tag zuvor, erledige mechanisch alle Aufgaben, mit denen man mich in der Bibliothek betraut. Esse ein Sandwich in der Grünanlage vor dem Theater, sitze auf derselben Bank wie immer zusammen mit anderen Leuten, die auch immer dieselben Bänke aufsuchen, um ihren Imbiß zu essen, den gleichen leeren Blick haben, aber vorgeben, mit unglaublich wichtigen Dingen beschäftigt zu sein.
Dann kehre ich zur Arbeit zurück, höre mir den Klatsch darüber an, wer gerade mit wem geht, wer gerade erkrankt ist und woran und wer sich wegen eines Ehepartners die Augen ausweint, und habe das Gefühl, privilegiert zu sein. Ich bin hübsch, habe eine Stellung, kann den Mann bekommen, den ich will. Und am Abend gehe ich wieder in die Bars, und alles fängt von vorn an.
Meine Mutter, die sich wahrscheinlich wegen meines Selbstmordversuchs wahnsinnige Sorgen macht, wird sich vom Schreck erholen und mich weiter mit ihren Fragen löchern, was ich denn aus meinem Leben machen will, warum ich nicht wie die ändern bin, wo doch letztlich alles nicht so kompliziert ist, wie ich meine. >Sieh mich an, ich bin doch auch seit Jahren mit deinem Vater verheiratet und habe versucht, dir die bestmögliche Ausbildung zu geben und dir ein Vorbild zu sein.<
Eines Tages, wenn ich es endgültig satt habe, mir immer den gleichen Sermon anzuhören, werde ich ihr zu Gefallen den Mann heiraten, den ich mir zu lieben einrede. Wir werden gemeinsame Zukunftsträume entwickeln, ein Haus auf dem Land, Kinder, die Zukunft unserer Kinder. Im ersten Jahr werden wir häufig miteinander schlafen, im zweiten schon weniger, und ab dem dritten Jahr denken wir vielleicht alle vierzehn Tage an Sex und setzen den Gedanken womöglich
einmal im Monat um. Schlimmer noch, wir werden kaum noch miteinander reden. Ich werde es resigniert hinnehmen und mich dann fragen, was an mir falsch
ist, weshalb er sich nicht mehr für mich interessiert, mich links liegen läßt und immer nur von seinen Freunden erzählt, als wären sie seine wahre Welt.
Wenn die Ehe am seidenen Faden hängt, werde ich schwanger. Wir werden ein Kind haben und einander eine Zeitlang wieder näher sein. Aber dann wird wieder alles wie vorher.
Dann werde ich ganz allmählich dick wie die Tante der Krankenschwester von gestern - oder von vor ein paar Tagen, ich weiß es nicht mehr so genau. Und ich werde anfangen, Diät zu halten und trotz aller Kontrolle Tag für Tag und Woche für Woche immer mehr Pfunde auf die Waage bringen. Das wird der Augenblick sein, an dem ich anfangen werde, diese Wunderpillen zu nehmen, um nicht depressiv zu werden. Und ich werde noch ein paar Kinder bekommen, die in viel zu schnell vergangenen Liebesnächten gezeugt wurden. Ich werde allen erzählen, daß die Kinder mein Lebensinhalt sind, während sie in Wirklichkeit mein Leben für sich in Anspruch nehmen.
Die Leute werden uns immer für ein glückliches Ehepaar halten, und niemand wird erfahren, wieviel Einsamkeit, Bitterkeit, Entsagung hinter diesem ganzen Glück lauert.
Bis mein Mann sich eines Tages eine Geliebte anschafft und ich einen Aufstand mache wie die Tante meiner Krankenschwester oder wieder an Selbstmord denke. Doch dann werde ich alt und feige sein, zwei oder drei Kinder haben, die mich brauchen, die ich erziehen und auf die Welt vorbereiten muß, bevor ich alles aufgeben kann. Ich werde mich nicht umbringen: Ich werde einen Aufstand machen, drohen, mit den Kindern auszuziehen. Er wird wie alle Männer klein beigeben und mir seine Liebe beteuern und schwören, es werde nicht wieder vorkommen. Ihm würde nie einfallen, daß mir im Notfall keine andere Wahl bliebe, als zu meinen Eltern zurückzukehren und dort den Rest meines Lebens zu verbringen, wo ich den lieben langen Tag den Sermon meiner Mutter über mich ergehen lassen müßte, weil ich angeblich die einzige Chance verspielt habe, mit meinem trotz seiner kleinen Fehler wunderbaren Ehemann glücklich zu sein und meinen Kindern die Trennung von ihm zu ersparen.
Zwei oder drei Jahre später wird eine andere Frau in sein Leben treten. Ich werde es herausfinden, entweder weil ich es selbst gesehen habe oder jemand es mir erzählt. Doch dieses Mal werde ich so tun, als bemerkte ich es nicht. Ich habe meine ganze Energie im Kampf gegen die vorangegangene Geliebte aufgebraucht, es ist nichts mehr übrig. Besser, das Leben so zu nehmen, wie es wirklich ist, und nicht den Vorstellungen nachhängen, die ich mir gemacht hatte. Meine Mutter hatte recht. Er wird weiterhin nett zu mir sein, ich werde weiterhin meiner Arbeit in der Bibliothek nachgehen, auf dem Platz vor dem Theater meine Butterbrote essen, meine Bücher nie zu Ende lesen, Fernsehsendungen sehen, die in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren noch dieselben sein werden wie heute. Nur werde ich meine Butterbrote mit schlechtem Gewissen essen, weil ich immer dicker werde: Und ich werde nicht mehr in Bars gehen, weil ich einen Mann habe, der mich zu Hause erwartet, damit ich mich um die Kinder kümmere.
Nun brauche ich nur noch darauf zu warten, daß die Kinder erwachsen werden. Und ich werde die ganze Zeit an Selbstmord denken, ohne den Mut zu haben, ihn zu begehen. Eines schönen Tages werde ich zum Schluß kommen, daß das Leben nun mal so ist, es nichts bringt, sich darüber aufzuregen, und daß sich nichts ändern wird. Und mich dreingeben.
Veronika schloß ihren inneren Monolog mit dem Versprechen an sich selbst, Villete nicht lebend zu verlassen. Es war besser, allem jetzt ein Ende zu bereiten, solange sie noch den Mut und die Kraft hatte, um sich den Tod zu geben. Sie schlief und wachte mehrfach auf. Dann bemerkte sie, daß die Apparate um sie herum immer weniger wurden, ihr Körper sich erwärmte und die Gesichter der Krankenschwestern wechselten. Doch es saß ständig jemand an ihrem Bett. Durch die grünen Vorhänge hörte sie Weinen, Stöhnen oder Stimmen, die ruhig und fachmännisch miteinander flüsterten. Manchmal begann ein Apparat, der weiter weg stand, zu summen, und dann erklangen eilige Schritte auf dem Korridor, und das ruhige, fachmännische Flüstern schlug um in barschen Befehlston.
Als sie einmal bei Bewußtsein war, fragte eine Krankenschwester sie:
»Wollen Sie denn nichts über ihren Zustand erfahren?«
»Ich kenne meinen Zustand«, antwortete Veronika. »Was mit meinem Körper passiert, ist uninteressant, wichtig ist meine Seele.«
Die Krankenschwester versuchte ein Gespräch anzufangen, doch Veronika tat so, als schliefe sie.
Freitag, 27. Januar 2012
Leseprojekt
Am kommenden Montag startet in der JG Zion das neue Leseprojekt mit dem Buch "Veronika beschließt zu sterben" von Paulo Coelho. Seit einer Woche liegt das Buch nun schon auf meinem Schreibtisch und ich konnte dann doch nicht widerstehen, schon mal rein zu lesen. Und damit alle was von haben, hab ich mir gedacht, ich poste einfach mal was draus:
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3 comments:
oha... das macht Lust auf mehr. Schreibst du 'ne Rezension, wenn du durch bist?
Sehr gern. :)
ahhh, ich stand letztes jahr auch im buchladen vor diesem Büchlein...und mich hatte das auch gefesselt...habs aber ende doch nicht gekauft...vllt weil die story zu krass werden könnte(?)...freue mich über deine Rezension, die hoffentlich nichts verrät ;) im sinne von nicht zu viel verrät ;) susi h.
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